Vormittags Recht haben, nachmittags frei… Mein wirkliches Leben als Teaching Mum

Ich bin eine Working Mum. Und da jede Working Mum andere Herausforderungen zu stemmen hat und wir hoffentlich voneinander lernen können, diese zu bewältigen, möchte ich dir heute von meinem Leben als „Teaching Mum“ erzählen.

Auf Partys ist es jedenfalls immer wieder so, dass mir viele Fragen gestellt werden, wenn ich mich „oute“. Darüber bin ich eigentlich ziemlich froh, denn lieber so als dass mir direkt sämtliche Vorurteile gegenüber Lehrern an den Latz geknallt werden. Manchmal kommt es mir aber auch so vor, als werden meine Antworten bzw. Richtigstellungen ignoriert, da Mann oder Frau sein Bild von mir als Lehrerin gar nicht erst korrigieren möchte.

Folgendes höre ich immer wieder:

1. Als Lehrerin bist du ja den ganzen Tag daheim.

Okay, so formuliert es zum Glück keiner. Aber so ähnlich. Aaaalso… In meiner Schulart (Berufsschule/Berufliches Gymnasium) und meinem Bundesland (Baden-Württemberg) ist es so, dass wir für ein volles Deputat 25 Stunden unterrichten müssen. Eine Stunde sind natürlich keine 60 sondern 45 Minuten, aber die Pausen werden quasi alle durchgearbeitet (kopiern, Gänge zum Sekretariat…). Dazu kommen Hohlstunden, die man nur bedingt zum Arbeiten nutzen kann (da viele Lehrer zum Beispiel keinen eigenen Schreibtisch an der Schule haben), Konferenzen, Elterngespräche, Vertretungsstunden, Zusammenarbeit mit Kollegen und und und. Den GANZEN Tag daheim ist man als Lehrer/in also schon mal nicht.

Oft ist es sogar so, dass ich gerade auf 13.30 Uhr (wieder) in die Schule muss – wenn hier im Ort die Kinder aus dem Kindergarten abgeholt werden. Ich habe also nicht garantiert um 14 Uhr oder 14.30 Uhr aus, wenn ich nur 80% arbeite. Selbst mit 75% sind schnell mal drei Nachmittage im Stundenplan drin. Deshalb ist unsere Tochter auch nicht hier im Ort im Kindergarten, sondern in einem Ganztageskindergarten in einem anderen Stadtteil. An die Grundschulzeit mag ich noch gar nicht denken…

Aber ja, natürlich gehe ich je nach Stundenplan auch zu Zeiten nach Hause, die bei einem 9-to-5-Job undenkbar sind. Recht regelmäßig zum Beispiel schon um 11.00 Uhr oder sogar 9.30 Uhr. Und muss vielleicht nachmittags nicht unterrichten.

SO WHAT?! Dass ich zu Hause bin, heißt ja nicht, dass ich die Füße hochlege. Ich arbeite ja weiter. Was ich da mache, muss ich dir glaube ich nicht erklären. 15 Klassen (bei einer 84%-Stelle) bedeutet, ca. 20 Klassenarbeiten pro Halbjahr zu korrigieren, dazu kommen Vokabeltests, im November und im Mai die Berufsschulprüfungen in mehreren Fächern gleichzeitig und das Abitur, bei dem sich die Zweitkorrekturen auch noch mit den Berufsschulprüfungen überlagern. Und ich muss natürlich auch guten Unterricht halten, der aktuell sein sollte und vorbereitet werden will. Manchmal muss ich mich auch selber erst mal in ein Thema einlesen und natürlich muss ich mich bei vielem auf dem aktuellen Stand halten.

Trotzdem ist es ja noch cool mit Kind, ich kann das alles ja abends machen… oder? Theoretisch ja. Praktisch bin aber abends viel zu platt um mich auf Korrekturen oder eine vernünftige Unterrichtsvorbereitung konzentrieren zu können. Das ist einfach geistig anstrengende Arbeit, die ich nicht in jedem Zustand verrichten kann. Wenn ich es doch mal tue, rächt es sich meist mit Migräne am nächsten Tag oder die Schulklassen beschweren sich über die Punkte, die ich nicht richtig zusammen gezählt habe…

Am Wochenende arbeiten Lehrer natürlich auch. Unter der Woche bleibt kaum Zeit für Korrekturen, und wenn ich freitags um 13 Uhr an der Schule fertig bin und um 14 Uhr meine Tochter hole, dann muss ich eben am Samstag oder Sonntag den Unterricht für den Montag vorbereiten. Falls wir über ein Wochenende wegfahren, muss ich das lange vorher wissen und entsprechend vorarbeiten.

2. Du hast als Lehrerin wahnsinnig viel Ferien.

Hier möchte ich dir ein bisschen was vorrechnen.

Ich als Beamtin des Landes Baden-Württemberg arbeite 41 Stunden in der Woche. Meinen Erholungsurlaub von 6 Wochen habe ich innerhalb der Schulferien zu nehmen.

Da ich je nach Schuljahresphase in einer VZ-Stelle schnell auf 50 und mehr kommen würde, rechnet sich das nach Abzug der Ferien wieder runter. Und natürlich arbeite ich auch oft in den Ferien. 2018 habe ich zum Beispiel in den Pfingstferien das Englisch-Abi korrigieren müssen. Wir waren 8 Tage in Italien, die ich wegen meiner Gedanken an die Korrekturen gar nicht richtig genießen konnte, und danach saß ich von Donnerstag (übrigens Fronleichnam, also eigentlich ein Feiertag) bis Sonntag komplett am Schreibtisch. Bei bestem Wetter.

Trotzdem, ich komme sicherlich auf mehr als 6 Wochen, die ich mir als Urlaub nehme. Wie gesagt ist dies aber teilweise ein Überstundenabbau. Dazu kommt, dass logischerweise viele Feiertage in die Ferien fallen (Karfreitag, Ostermontag, Fronleichnam, Allerheiligen…).

Spannend wird es, wenn ich mein Arbeitspensum mit dem eines Tarifbeschäftigten der IG-Metall vergleiche. Dieser arbeitet 35 Stunden in der Woche. Würde dieser meine 41 Stunden arbeiten, hätte er 6 Überstunden pro Woche. Von 52 Wochen im Jahr arbeitet er abzgl. Urlaub und Feiertagen etwa 45 Wochen. Er würde also 270 Überstunden anhäufen, was 38 Urlaubstagen und somit 7 Wochen Urlaub entspräche. Lustigerweise käme dieser IG-Metall-Arbeiter dann auf 13 Wochen Urlaub – nur 1,5 Wochen weniger als die Schulferien also. Mit dem neuen Tarifvertrag gab es jedoch 8 Tage für Mütter/Väter dazu – nimmt man die über Ostern, dann sind das nochmal zwei Wochen on top… Und im Gegensatz zu mir werden die Feiertage ja nicht zum Urlaub dazu gerechnet… Sag mir Bescheid, wenn ich mich verrechnet habe, aber ich glaube wer viel Urlaub haben möchte, sollte vielleicht lieber Industriemechaniker als Lehrer werden!

3. Da hast du ja nen chilligen Job.

Dieses Vorurteil hängt wahrscheinlich mit Vorurteil 1 und 2 zusammen – dass Lehrer generell nicht viel arbeiten. Tatsächlich ist Unterricht wahnsinnig anstrengend. Man steht permanent im Fokus und muss Vieles regeln und das oft gleichzeitig. Oft braucht man nach der Schule erst mal einen Mittagsschlaf oder eine andere Form der Regeneration. In meinen Anfangsjahren war es tatsächlich so, dass ich nach dem Unterricht 1-2 Stunden gebraucht habe, um wieder klar zu kommen – und habe mich also erst am späten Nachmittag zum Vorbereiten an den Schreibtisch setzen können. Bei langen Konferenzen ist es übrigens nicht anders.

Körperlich anstrengend ist der Job auch – ich trage immer bequeme Sportschuhe, da ich lange stehe oder gehe. Oder Treppen steige. Die Klassenzimmer sind nämlich auf zwei Gebäude mit mehreren Stockwerken verteilt und ich wechsle nach jeder Stunde das Klassenzimmer. In meiner Schwangerschaft hatte ich zudem damit zu kämpfen, dass ich während des Unterrichts das Klassenzimmer nicht einfach verlassen kann, um auf die Toilette zu gehen.

Manchmal kommt man auch menschlich/seelisch an seine persönlichen Grenzen, z.B. wenn man angelogen wird, Mobbing bekämpfen muss, ein trockenes Thema an einem heißen Sommernachmittag unterrichten muss und die Jungs und Mädels vor einem einfach nicht mehr können… Aber:

Ich liebe meinen Job.

Ich bin tatsächlich sehr gerne Lehrerin und könnte mir gar keinen anderen Beruf für mich vorstellen.

Ich bin auch für Vieles, was mein Job mir bietet, sehr dankbar! Ich arbeite wahnsinnig gerne mit jungen Menschen zusammen und finde es toll, was ich ihnen beibringen darf: zum Beispiel eine Sprache, um sich mit vielen anderen Menschen zu verständigen, den Wert unserer Demokratie und wie sie funktioniert und dass jeder Mensch jeder Hautfarbe, Herkunft und Geschlechts die gleichen Chancen haben sollte und dass es sich dafür zu kämpfen lohnt.

Ich arbeite sehr gerne an meiner Schule und in meinen Teams und ich liebe es, dass ich mir meine Arbeit frei einteilen kann und meine Stunden so gestalten kann, wie ich es möchte.

Ich freue mich jeden Tag über meinen extrem kurzen Weg zur Arbeit.

Ich bin happy, dass ich die Wochenende und Abende derzeit eben nicht durcharbeiten muss, weil ich genug verdiene um es mir leisten zu können Teilzeit zur arbeiten.

Ich bin froh, dass ich mir um die Betreuung meiner Tochter während der Schulferien keine Sorgen machen muss und vor meinem geistigen Auge sehe ich schon lange Sommer mit zahlreichen Schwimmbad- und Europaparkbesuchen vor mir.

Und so erscheint es mir ein geringes Übel, dass ich hin und wieder ein paar Vorurteile über meinen Lieblingsjob relativieren muss 😊

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