Schwanger während Corona – vom Beschäftigungsverbot direkt in den Lockdown

Mein Erfahrungsbericht – ein Tagebuch

16. März 2020

Heute wäre normalerweise der erste Werktag meines Mutterschutzes. Ins Beschäftigungsverbot musste ich schon früher und habe somit glücklicherweise einiges erledigen können: Das Babyzimmer ist so gut wie hergerichtet, ich war bei der Zahnreinigung und habe sogar ein Fotobuch erstellt. Für die letzten sechs Wochen wollte ich nun lesen, im Schwimmbad gegen meine Ischiasschmerzen anschwimmen, mit meiner Mutter im Thermalbad relaxen, kurz: Kräfte sammeln. Zudem hatten wir noch einige Highlights geplant, die wir unserer „Großen“ bieten wollten: Mitmachmuseum in Straßburg, Ponyreiten und und und….

Pustekuchen.

Stattdessen ist der Beginn des Mutterschutzes gleichzeitig der Beginn des deutschlandweiten Lockdowns. Alles abgesagt, Hanna verbringt jetzt jeden Tag mit mir daheim – egal, wie es mir geht.

18. März

Wir haben unseren Termin zur Vorstellung in der Klinik. Hier habe ich auch Hanna entbunden und mich damals sehr wohl gefühlt. Mein Mann hat gestern noch angerufen, da ich die Uhrzeit des Termins verbummelt hatte. Deshalb sind wir ganz schön geschockt, als er am Eingang schroff abgewiesen wird. Seit einem Tag gilt die neue Regel, dass keine Besucher erlaubt sind. Er hat extra einen Tag Urlaub genommen, der Parkschein ist auch schon für zwei Stunden gelöst und er hatte viele Fragen im Kopf, die er der Ärztin stellen wollte – doch nun müssen wir uns verabschieden. Erst bei der Anmeldung stelle ich fest, dass der Mutterpass in seiner Tasche ist und breche in Tränen aus. Das in meinem Bauch ist doch UNSER Kind, er hat genauso mitzureden bei der Planung der Entbindung… Ich fühle mich total allein gelassen.

Im Vorstellungsgespräch mit der Hebamme reißt es mir dann völlig den Boden unter den Füßen weg, als sie mir ganz beiläufig mitteilt, dass es keine Familienzimmer mehr geben wird. Die Ärztin setzt dann noch einen drauf: Am Wochenende hätten die ersten Kliniken die Männer auch aus dem Kreißsaal ausgeschlossen. Und zur Krönung darf ich mein Baby nicht mal auf dem Ultraschall sehen, worauf ich mich das ganze schlimme Gespräch über gefreut hatte: Die Ärztin war der Ansicht, dass ich ihr zu nahe komme, wenn sie den Bildschirm zu mir dreht.

Die nächsten Tage erlebe ich nur durch einen Schleier aus Angst, Verzweiflung, Wut, Traurigkeit. Mir war es extrem wichtig, dass mein Mann und ich die ersten Tage mit unserem Sohn gemeinsam verbringen und ich traue mir nicht zu, mich nach den Strapazen der Geburt und mit Geburtsverletzungen alleine um ein Neugeborenes zu kümmern. Ich bin wütend, weil ich es unlogisch finde – wir teilen ein Bett, er betritt ohnehin die Klinik – warum darf er dann nicht bleiben?

9. April

Wir schauen täglich auf die Website aller Geburtskliniken im Umkreis, ob irgendwo zu lesen ist, dass Väter von der Geburt ausgeschlossen werden. Ich versuche mich gedanklich darauf vorzubereiten, die unmittelbare Zeit nach der Geburt und eventuell auch die Geburt selbst alleine durchzustehen. Dann erreicht uns ganz plötzlich die Nachricht, dass es doch ein Krankenhaus ganz in unserer Nähe gibt, das Männer auf der Wöchnerinnenstation erlaubt, solange sie das Krankenhaus ab Betreten des Krankenhauses nicht mehr verlassen. Ich kann sofort vorbeikommen und mich vorstellen. Ich lasse alles stehen und liegen, drücke meinem Mann (im Homeoffice) Kind und Tablet in die Hand und fahre los.

Eigentlich dürfte ich in diesem Krankenhaus aber aufgrund meiner Schwangerschaftsdiabetes gar nicht entbinden – es ist nämlich keine Kinderklinik angebunden, und falls unser Baby Unterzucker haben sollte, muss es verlegt werden. Der Oberarzt möchte mich persönlich kennen lernen und meine Blutzuckerwerte auslesen. Ich habe Glück: Er entscheidet, dass ich kommen darf. So langsam sehen wir den Silberstreifen am Horizont – aber ganz in Sicherheit wähnen wir uns natürlich nicht.

13. April

Unsere „Große“ feiert ihren vierten Geburtstag, allerdings Corona-konform. Ich könnte heulen, weil es mir so weh tut für sie. Zum Glück hatte ich den Post einer Puppenspielerin aus Hamburg auf Facebook gesehen: Sie kann derzeit mit ihren Puppen nicht auftreten und bietet deutschlandweit Video-Geburtstagsgrüße vom Kasperle an – unentgeltlich! Als sie pünktlich anruft, ist meine Tochter selig. Und ich auch. Die bunte Paw-Patrol-Torte und das neue Fahrrad versüßen ihr den Tag vollends und ich bin ein bisschen versöhnt.

Hannas Paw Patrol Torte

19. April

Ich gerate langsam aber sicher körperlich an meine Grenzen. Heute Morgen bin ich so müde, dass mir der Teller mit dem Frühstücksbrot meiner Tochter einfach aus der Hand gleitet. Im Esstisch ist nun eine riesige Schramme und ich kann nur noch weinend zwischen den Scherben in mich zusammen sacken. Mein Mann übernimmt.

Die Frauenarztbesuche sind seit Corona auch nicht mehr schön. Nur weil wir einen sehr guten Draht zu meiner Frauenärztin haben, darf mein Mann noch beim Ultraschall dabei sein. Er muss vor der Tür warten, bis er dazugerufen wird. Beim CTG langweile ich mich alleine, bei der Blutabnahme hält mir niemand die Hand. Doch mein Mann winkt mir immerhin von draußen durchs Fenster zu und wir schreiben uns Nachrichten.

23. April

Uns erreichen die Bilder unseres Babybauchshootings, das im Freien und somit auch trotz Corona stattfinden konnte. Uns als glückliche Familie zu sehen, tut mir sehr gut – endlich ein Stück Normalität! So erleichtert kamen uns beim Shooting übrigens auch die Passanten vor, als würden sie denken: „Pandemie hin oder her, diese Familie ist trotzdem voller Vorfreude und schaut gerne in die Zukunft!“ Und ja, so ist es! Jetzt wo die Pandemie in unserem Landkreis sogar so weit abgeflacht ist, dass es Tage ohne Neuinfektionen gibt, tritt die vorfreudige Spannung wieder in den Vordergrund.

eine Insel der Unbeschwertheit war unser Babybauchshooting

Geburt während Corona

26. April

Wir rufen mit klopfenden Herzen – am errechneten Tag der Entbindung – im Kreißsaal an. Welche Nachricht werden wir bekommen? Darf mein Mann direkt zur Einleitung mit, oder muss ich warten, bis die Wehen losgehen, oder sogar die Geburt? Die Hebamme sorgt sofort für Erleichterung: Sie habe erlebt, wie Frauen ohne Anwesenheit des Partners gar keine Wehen bekämen, weil sie unterbewusst nicht bereit seien, ohne Vater zu entbinden. Das kann ich mir nun wirklich sehr gut vorstellen! Mein Mann darf mit mir das Krankenhaus betreten und er darf bleiben.

Doch ein Wermutstropfen bleibt: Unsere Tochter wird uns nicht besuchen dürfen. Die Kennenlern-Szene zwischen Bruder und Schwester, wie sie sich seit Monaten in meinem Kopf abgespielt hat, wird so niemals stattfinden. Auch professionelle Fotos im Krankenhaus wird es nicht geben. Wie so oft während des Lockdowns muss ich mich von meinen Vorstellungen verabschieden – und gleichzeitig dankbar sein, dass wir alle gesund sind, gerade jetzt, wo es ernst wird.

28. April

Seit nunmehr drei zermürbenden Tagen im Krankenhaus warten wir nun schon auf den Beginn der Geburt. Seit drei Tagen haben wir das Zimmer nicht verlassen. Wir dürfen nicht draußen spazieren gehen und unsere Tochter haben wir nun auch drei Tage nicht gesehen – und nach der Geburt werden ja noch einige dazu kommen. Am Nachmittag geht es endlich los. Wir haben Glück – weder mein Mann noch ich müssen einen Mundschutz tragen. Eine Freundin wird mir Wochen später erzählen, dass sie sogar unter der Geburt angehalten wurde, ihn zu tragen… Trotzdem ist es komisch, dass wir nicht die ganzen Gesichter der Menschen sehen, die sich um uns kümmern.

Um 20.19 Uhr kommt endlich unser Robin zur Welt!

30. April

Wir wollen nur noch heim – zu unserer Hanna. Sobald die letzten wirklich notwendigen Untersuchungen durchgeführt wurden, packen wir unsere Sachen. Hanna holt uns zusammen mit der Oma ab und mein Mann bespricht mit der Rezeption, dass sie kurz in die Eingangshalle kommen darf, damit sie ihren Bruder nicht draußen auf dem Parkplatz kennen lernen muss. Als wir aus dem Aufzug steigen, sehen wir sie: Vor den Glastüren steht ein pinkes Etwas mit Mundschutz, das sich am Storch aus Holz in seinen Händen festklammert. Sie ist ein Sinnbild für die Unschuld in dieser verrückten Welt. Als sie rein kommt, ist der Moment des Kennenlernens wirklich sehr schön, fast so schön wie in meinem Kopfkino. Auf einer rosa (oder blauen?) Wolke schwebend fahren wir als vereinte Familie nach Hause.

Geschwisterliebe – endlich ist Robin da!

2. Juni

Die Elternzeit meines Mannes ist nun so gut wie vorbei. Wir sind beide immer gereizter, weil uns die Belastung an die Grenzen bringt. Unser Anspruch, diesen „Babyurlaub“ mit unserem Sohn zu genießen und gleichzeitig Quality Time mit unserer Tochter zu verbringen, lässt sich nicht verwirklichen. Mir graut davor, bald mit beiden alleine daheim zu sitzen. Zum Glück wohnt meine Mutter vor Ort und unterstützt uns seit des Lockdowns noch viel mehr als sonst. Auch sie gerät bestimmt schon an ihre Grenzen, auch wenn sie es sich nicht anmerken lässt,

Der Ballettunterricht unserer Tochter darf wieder stattfinden, aber sie kann sich nicht wie sonst an die Trainerin kuscheln und jedes Kind muss auf einem Punkt auf dem Boden stehen bleiben. Sie möchte nicht alleine dort bleiben. Da sie auch das Online-Angebot der Tanzschule während des Lockdowns überhaupt nicht angenommen hatte, melden wir sie ab.

8. Juni

Hannas beste Freunde dürfen jetzt schon einige Wochen in den Kindergarten, Hanna aber nicht… Da sie sich zum Spielen sehen, haben wir Angst, dass sie das traurig macht. Zum Glück springt meine Familie ein: Hanna macht jetzt einfach „Urlaub“. Sie darf für ein paar Tage zu meiner Tante (gemeinsam mit meiner Mutter) und nochmal ein paar Tage zu meiner Schwiegermutter. Die dürfen wir auch erst seit kurzem wieder besuchen, sie wohnt nämlich in Frankreich. Danach bekommen wir Besuch von Freunden (auch mit zwei Kindern). Also KANN sie ja gar nicht in den Kindergarten gehen und wir geraten nicht in Erklärungsnot.

19. Juni

Ich habe Geburtstag und das beste Geschenk erreicht mich per Mail: Hanna darf ab 24. Juni wieder in den Kindergarten gehen! Ich kann meine Erleichterung an dieser Stelle gar nicht in Worte fassen. Und on top können wir zur Feier des Tages wieder im Sushi-Restaurant essen gehen!

Ein bitterer Nachgeschmack – zum Glück nur metaphorisch, und nicht vom Fisch! – bleibt doch: Ich werde also den kompletten Mutterschutz, sowohl vor als auch nach der Geburt, im (teilweisen) Lockdown verbracht haben, ohne Kinderbetreuung. So ein schlechtes Timing muss man erst mal haben…

4. August

Hanna geht nun seit einigen Wochen wieder in den Kindergarten und ist direkt wieder gut dort angekommen. Alleine mit Robin daheim zu sein, erscheint nun wie Wellness… naja, fast! Mein Rückbildungskurs findet auch statt und im September kann ich wieder im Hallenbad trainieren. Ich war nach einem Dreivierteljahr wieder beim Friseur und auch einen Freizeitpark haben wir gemeinsam besucht.

Jetzt, wo mein Mann bei der Entbindung dabei sein durfte und Hanna wieder betreut ist, habe ich nichts mehr, worüber ich mich beschweren möchte – wir haben Glück, dass wir alle vier gesund sind und finanzielle Einbußen haben wir auch keine. Wahrscheinlich wird Robin staunen, wenn ich ihm die Zeitung von seinem Geburtstag zeige, die ich aufgehoben habe: „Was war denn da mit diesem Corona, Mama?“